Libellen im Frühling – Wann erscheinen die ersten Arten?
Der Frühling ist für mich die aufregendste Zeit des Jahres. Nach den grauen Wintermonaten zieht es mich wieder an den Teich, und die Frage ist immer dieselbe: Wann zeigt sich die erste Libelle? In über 50 Jahren Beobachtung habe ich gelernt, welche Arten die Frühstarter sind und wo Sie die besten Chancen haben.
Der Frühling am Teich
Wenn im März die ersten warmen Sonnenstrahlen das Wasser erwärmen, beginnt am Teich neues Leben. Die Larvenhüllen des Vorjahres hängen noch an den Schilfhalmen, Frösche beginnen zu quaken, und die ersten Wasserinsekten zeigen sich an der Oberfläche.
Für mich ist es ein jährliches Ritual: der erste Ausflug zum Teich nach der Winterpause. Meistens sitze ich dort, wickle mich in eine Jacke, und warte. Geduld ist im Frühling besonders wichtig – die Tiere sind noch nicht so aktiv wie im Sommer.
Flugzeiten: Wann geht es los?
März: Die Winterlibellen
Tatsächlich können Sie Libellen schon im März sehen – wenn Sie wissen, wo Sie suchen müssen. Die Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca) überwintert als erwachsenes Tier und wird an milden Frühlingstagen aktiv.
Diese unscheinbaren, bräunlichen Kleinlibellen sitzen gerne an geschützten Stellen – an Hauswänden, in Gebüschen, an Baumstämmen. Sie sind nicht am Wasser zu finden, sondern in der umliegenden Vegetation.
April: Die Frühe Adonislibelle
Ende April erscheint die Frühe Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula) – und sie macht ihrem Namen alle Ehre. Diese leuchtend rote Kleinlibelle ist oft die erste "richtige" Libelle der Saison an Teichen und langsam fließenden Gewässern.
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Frühe Adonislibelle – es war der 23. April 1971, an einem Teich bei Offenbach. Das leuchtende Rot vor dem noch winterlichen Grau der Vegetation war ein unvergesslicher Anblick.
Mai: Die Hauptsaison beginnt
Im Mai explodiert dann das Libellenleben. Jetzt schlüpfen die ersten Großlibellen, die Azurjungfern erscheinen in großer Zahl, und an manchen Gewässern kann man bereits Dutzende Arten beobachten.
| Monat | Typische Arten | Aktivität |
|---|---|---|
| März | Winterlibellen | Gering, nur an warmen Tagen |
| April | Frühe Adonislibelle, Vierfleck | Zunehmend |
| Mai | Azurjungfern, Plattbauch, Blaupfeil | Hoch |
Die Frühstarter: Artenliste
Diese Arten können Sie im Frühling erwarten:
Kleinlibellen (Zygoptera)
- Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca): Ab März, überwintert als Imago
- Frühe Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula): Ab Ende April, leuchtend rot
- Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella): Ab Mai, sehr häufig
- Große Pechlibelle (Ischnura elegans): Ab Mai, anpassungsfähig
Großlibellen (Anisoptera)
- Vierfleck (Libellula quadrimaculata): Ab Ende April, charakteristische Flügelflecken
- Plattbauch (Libellula depressa): Ab Mai, breiter blauer Hinterleib
- Großer Blaupfeil (Orthetrum cancellatum): Ab Mai, robuste Segellibelle
- Früher Schilfjäger (Brachytron pratense): Ab Mai, erste Edellibelle
Wo beobachten im Frühling?
Im Frühling sind andere Orte optimal als im Hochsommer:
- Sonnenbeschienene Südufer: Hier erwärmt sich das Wasser am schnellsten.
- Geschützte Buchten: Windstille Bereiche sind bevorzugt.
- Flache Uferzonen: Hier findet der Schlupf statt.
- Waldränder: Für die überwinternden Winterlibellen.
Tipps für März und April
- Wetter beachten: Libellen fliegen erst ab etwa 15°C Lufttemperatur. Wählen Sie sonnige, windstille Tage.
- Mittagszeit bevorzugen: Im Frühling ist die Mittagszeit optimal, wenn die Sonne am höchsten steht.
- Geduld mitbringen: Die Aktivität ist noch gering. Manchmal wartet man eine Stunde auf die erste Sichtung.
- Warm anziehen: Am Wasser ist es oft kühler als gedacht. Eine Decke zum Sitzen ist hilfreich.
- Fernglas nicht vergessen: Im Frühling sind die Tiere oft weiter entfernt.
Meine schönste Frühlingsbeobachtung
Es war ein Apriltag vor etwa zehn Jahren. Ich saß am Enkheimer Ried, und die Sonne schien zum ersten Mal richtig warm. Plötzlich sah ich Bewegung am Schilfhalm – eine Libelle beim Schlupf.
Es war ein Vierfleck, der sich langsam aus seiner Larvenhülle befreite. Die Flügel waren noch zusammengefaltet, feucht, glänzend. Über eine Stunde saß ich dort und beobachtete, wie sich die Flügel langsam entfalteten, wie sie trockneten, wie der Körper seine Farbe annahm.
Dann, endlich, der erste Flügelschlag. Das Tier hob ab, taumelte kurz, fand sein Gleichgewicht – und war weg, hinaus über den Teich, in sein neues Leben.
Solche Momente sind es, die mich nach über 50 Jahren immer noch an den Teich ziehen. Jeder Frühling bringt neue Wunder.
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