Stechen Libellen?
Die kurze Antwort: Nein, Libellen stechen nicht!
Diese Frage erreicht mich regelmäßig, und ich kann Sie beruhigen: Libellen sind für Menschen völlig harmlos. Sie besitzen weder einen Stachel noch einen Stechrüssel. Sie können einen Menschen weder stechen noch beißen noch kratzen. Libellen sind friedliche Insekten, die ausschließlich andere kleine Insekten jagen.
Woher kommt der Mythos?
Unsere Vorfahren gaben Libellen Namen wie "Teufelsnadeln", "Augenstecher" oder "Pferdestecher". Im Englischen heißen Großlibellen noch heute dragonflies (Drachenfliegen). Diese bedrohlich klingenden Namen entstanden durch Missverständnisse bei der Beobachtung.
Früher wurden Weidetiere oft in der Nähe von Gewässern gehalten. Dort tummelten sich auch viele Mücken, Bremsen und Fliegen - die eigentlichen Plagegeister für Pferde und Kühe. Die größeren Libellen jagten genau diese kleinen Insekten und stürzten dabei oft auf die Tiere zu. Ein Beobachter sah nicht die winzigen Mücken, sondern nur die großen Libellen, die scheinbar auf das Pferd "angriffen". So entstand der Irrglaube, Libellen würden stechen.
Warum Libellen nicht stechen können
Libellen fehlen schlicht die anatomischen Voraussetzungen für einen Stich:
- Kein Stachel: Im Gegensatz zu Bienen oder Wespen besitzen Libellen am Hinterleib keinen Giftstachel.
- Kein Stechrüssel: Anders als Mücken haben Libellen keine Mundwerkzeuge, die Haut durchstechen könnten.
- Kein Gift: Libellen produzieren keinerlei Gift.
Was ist mit dem Legebohrer der Weibchen?
Einige Libellenweibchen besitzen einen sogenannten Legebohrer (Ovipositor), mit dem sie ihre Eier in Pflanzenstängel oder weiches Substrat einstechen. Dieser Legebohrer ist jedoch so fein und weich gebaut, dass er die menschliche Haut nicht durchdringen kann. In seltenen Fällen versucht ein Weibchen, an einem Hosenbein Eier abzulegen - nach kurzer Zeit merkt es jedoch, dass das "Substrat" ungeeignet ist, und fliegt davon.
Können Libellen beißen?
Libellen haben kräftige Mundwerkzeuge, mit denen sie ihre Beute zerkleinern. Wenn Sie eine Großlibelle fangen und auf Ihren Finger setzen (was Sie eigentlich nicht tun sollten, da Libellen unter Naturschutz stehen), kann es vorkommen, dass sie versucht zu "zwicken". Dies ist eine reine Abwehrreaktion.
In meinen über 50 Jahren Libellenbeobachtung habe ich dies selbst erlebt. Es fühlt sich an wie ein leichtes Piksen einer Stecknadel - unangenehm, aber völlig harmlos. Selbst große Arten wie die Blaugrüne Mosaikjungfer können keine Blutung verursachen oder Hautstücke abreißen. Meist ist es der Schreck, der das Zwicken schmerzhafter erscheinen lässt, als es tatsächlich ist.
Warum landen Libellen manchmal auf Menschen?
Nach kühlen Nächten müssen Libellen erst auf "Betriebstemperatur" kommen, bevor sie elegant fliegen können. Dazu suchen sie sonnige Stellen auf - das können Steine, Baumstämme, aber auch helle Kleidung sein. Wenn eine Libelle auf Ihnen landet, will sie sich lediglich aufwärmen. Genießen Sie den Moment und beobachten Sie das Tier aus nächster Nähe.
Mein persönliches Fazit
In all meinen Jahren als Libellenbeobachter habe ich noch nie eine negative Erfahrung mit diesen Tieren gemacht. Libellen sind faszinierende, friedliche Geschöpfe, die unsere Bewunderung verdienen - keine Angst. Wenn Sie das nächste Mal eine Libelle sehen, betrachten Sie sie in Ruhe. Sie werden erleben, wie wunderbar diese Tiere sind.
Wie es der Entomologe Hans Schiemenz schon vor über 70 Jahren schrieb: "Libellen stechen nicht! Nimm sie ruhig in die Hand, es passiert dir nichts. Sei aber achtsam, dass du diese fliegenden Edelsteine nicht verletzt."