Fressen und gefressen werden

Die Natur kennt keine Sentimentalität: Wer überleben will, muss fressen. Libellen sind dabei besonders effektive Jäger – schon als Larven räumen sie unter den Kleinlebewesen ihrer Gewässer auf. Doch auch die elegantesten Flugkünstler enden manchmal als Mahlzeit. Auf dieser Seite zeige ich Ihnen beide Seiten der Medaille.

Libellen als "Täter"

Schon im Larvenstadium zeigt sich der räuberische Charakter dieser Insekten. Mit ihrer einzigartigen Fangmaske erbeuten sie alles, was sie überwältigen können – von winzigen Wasserflöhen bis hin zu Kaulquappen und kleinen Fischen.

Fressende Larve der Zweigestreiften Quelljungfer
Abb. 1: Eine fast schlupfreife Larve der Zweigestreiften Quelljungfer (Cordulegaster boltonii) frisst einen Bachflohkrebs (Gammarus spec.).

Die Entwicklungsgeschwindigkeit hängt direkt vom Nahrungsangebot ab: In nährstoffreichen Gewässern entwickeln sich kleine Arten wie die Große Pechlibelle innerhalb eines Sommers. Die stattlichen Quelljungfern dagegen, die in kargen Quellbereichen aufwachsen, brauchen bis zu sieben Jahre für ihre Entwicklung.

Fressende Gemeine Winterlibelle
Abb. 2: Ein Weibchen der Gemeinen Winterlibelle (Sympecma fusca) hat sich eine kleine Fliege gefangen und frisst sie genüsslich.

Als geflügelte Imagines jagen Libellen auf andere Weise: Ihre sechs Beine formen im Flug einen Fangkorb, mit dem sie Beutetiere regelrecht aus der Luft pflücken. Kleinlibellen nutzen eine weitere Strategie – sie durchkämmen systematisch die Vegetation nach ruhenden Insekten.

Hufeisen-Azurjungfer frisst Schnake
Abb. 3: Ein Weibchen der Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella) verspeist eine Schnake.

Selten, aber durchaus regelmäßig kann man Libellen beobachten, die Tiere verspeisen, die ihnen etwa gleichgroß sind - meist sind dies Schnaken.

Libellen fressen Libellen

Unter Libellen herrscht kein Artenschutz: Größere Arten machen ohne Zögern Jagd auf kleinere Verwandte. Das Knistern der Flügel verrät solche Luftkämpfe oft schon von Weitem. Interessanterweise ist echter Kannibalismus – also das Verspeisen von Artgenossen – äußerst selten. Kleinlibellen erwischen gelegentlich frisch geschlüpfte Tiere anderer Arten, die noch nicht fliegen können.

Große Pechlibelle frisst Hufeisen-Azurjungfer
Abb. 4: Ein Weibchen der Großen Pechlibelle (Ischnura elegans) hat ein frisch geschlüpftes Männchen der Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella) überfallen und wird es, bis auf die Flügel, auffressen.

Libellen als "Opfer"

Vom Ei bis zum ausgewachsenen Tier: In jeder Lebensphase drohen Gefahren. Larven müssen sich vor Gelbrandkäfern, Fischen und größeren Artgenossen in Acht nehmen. Die fliegenden Imagines haben ein ganz anderes Spektrum an Feinden – von mikroskopischen Parasiten bis zu schnellen Vogelarten. Selbst in Mooren lauert Gefahr: Die klebrigen Blätter des Sonnentaus werden manchem unvorsichtigen Tier zum Verhängnis.

Gregarinen

Gregarinen sind einzellige Sporentierchen (Klasse Sporozoa), die vereinzelt im Darm der Libellen leben. Bei einem sehr starken Befall können sie den Darm fast vollständig zerstören. Eine dermaßen befallene Libelle fällt durch dunkle Flecken auf dem Hinterleib auf, ist sehr träge und stirbt innerhalb kurzer Zeit.

Hufeisen-Azurjungfer mit Gregarinen
Abb. 5: Bei diesem Männchen der Hufeisen-Azurjungfer wird der Gregarinenbefall durch eine unnormale Schwarzfärbung auf dem zweiten Hinterleibsegment sichtbar.

Milben

Milbenbefall ist bei Libellen recht häufig zu beobachten. Es sind jedoch nicht die erwachsenen Milben, die ihnen das Leben schwer machen können - es sind die parasitär lebenden Larven von Wassermilben. Während des Schlupfes klettern die Milbenlarven auf die schlüpfende Libelle und beißen sich an relativ dünnhäutigen Körperteilen fest. Treten sie massenhaft auf, können sie eine Libelle aufzehren.

Hufeisen-Azurjungfern mit Wassermilbenlarvenbefall
Abb. 6: Vier Hufeisen-Azurjungfern bei der Paarung - jedes der Tiere weist einen enormen Milbenlarvenbefall auf.

Gnitzen

Gnitzen sind kleine räuberische mückenartige Insekten. Sie beißen sich in das Flügelgeäder der Libelle fest und saugen von der dort wenig durchfließenden Hämolymphe, dem "Blut" der Libellen.

Gemeine Binsenjungfer mit Gnitze
Abb. 7: An einem Flügel dieses Männchens der Gemeinen Binsenjungfer (Lestes sponsa) hat sich eine Gnitze festgebissen.

Raubfliegen

Raubfliegen (Familie Asilidae) sind gelegentlich auch Jäger von Libellen. Die meisten Raubfliegenarten sitzen verborgen in der Vegetation, bis sich die Beute genähert hat. Dann steigen sie kurz auf und ergreifen das Opfer in der Luft. Der kräftige Rüssel der Raubfliegen saugt in recht kurzer Zeit die Beute vollkommen aus.

Raubfliege verzehrt Hufeisen-Azurjungfer
Abb. 8: Eine Raubfliege hat ein Männchen der Hufeisen-Azurjungfer erbeutet und saugt es mit ihrem kräftigen Saugrüssel aus.

Spinnen

Bei den Spinnen sind sowohl die Netzspinnen als auch die Spinnen ohne Netz Fressfeinde von Libellen.

Netzspinnen sind wohl die häufigsten und auffälligsten "Mörder" von Libellen. Die Libellen fliegen in das fast unsichtbare Netz und verfangen sich in den klebrigen Fäden. Die Spinne eilt zum Opfer und injiziert ein tödliches Gift.

Große Heidelibelle im Spinnennetz
Abb. 9: Ein Weibchen der Großen Heidelibelle (Sympetrum striolatum) hat sich in einem Spinnennetz verfangen.

Krabbenspinnen (Gattung Xysticus) fangen Libellen als Lauerjäger. Schlüpfende Libellen sind eine leichte Beute - sie sind einigermaßen groß und können weder wegfliegen noch fortgehen.

Krabbenspinne frisst Hufeisen-Azurjungfer
Abb. 10: Eine Krabbenspinne hat ein frisch geschlüpftes Weibchen der Hufeisen-Azurjungfer überfallen.