Stehende Gewässer als Libellenlebensraum
Die stehenden Gewässer sind der artenreichste Lebensraum für Libellen in Mitteleuropa. Vom kleinen Wiesentümpel über den Dorfteich bis zum großen See – die Vielfalt ist beeindruckend, und entsprechend vielfältig sind auch die Libellenarten, die Sie hier beobachten können.
Kennzeichen des Lebensraums
Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal gegenüber Fließgewässern ist die fehlende oder kaum merkbare Strömung. Das Wasser steht, oder die Bewegung ist so gering, dass sie für die Organismen keine Rolle spielt. Selbst durchflossene Seen zähle ich hierzu – die Strömung ist nur an den Ein- und Austrittsstellen spürbar.
Die Bandbreite reicht enorm: vom verschmutzten Tümpel, in dem nur noch spezialisierte Organismen überleben, bis zum Klarwassersee mit Sichttiefen über sechs Metern. Jeder Gewässertyp hat seine eigene Libellenfauna.
Anforderungen an die Libellen
So vielfältig wie die Gewässer sind auch die Anpassungen der Libellenarten:
- Manche Larven überleben nur in sehr sauberem Wasser und gelten als Indikatorarten für den Gewässerzustand
- Andere Arten tolerieren auch stark verschmutztes Wasser
- Einige Großlibellenlarven vergraben sich im sandigen oder schlammigen Grund, wenn sie auf Jagd gehen
- Andere Arten sind auf dichte Unterwasservegetation angewiesen
Eine besondere Art ist die Grüne Mosaikjungfer (Aeshna viridis): Sie entwickelt sich ausschließlich in dichten Beständen der Krebsschere. Fehlt diese Pflanze, fehlt auch die Libelle – ein eindrucksvolles Beispiel für die enge Bindung mancher Arten an bestimmte Strukturen.
Gefährdung der Stillgewässer
Eutrophierung
Ein Zuviel an Nährstoffen – durch übermäßige Düngung, ungeklärte Abwässer oder belastete Zuflüsse – führt zur Massenentwicklung von Algen. Irgendwann bedecken Algenmatten die gesamte Wasseroberfläche, kein Licht dringt mehr nach unten, die Unterwasserpflanzen sterben ab. Bei deren Zersetzung wird dem Wasser Sauerstoff entzogen. Das Gewässer „kippt um" – und mit ihm verschwinden die Libellen.
Fischbesatz
Die intensive fischereiwirtschaftliche Nutzung kann den Libellenbestand stark dezimieren. Fische sind direkte Räuber der Larven und zugleich Nahrungskonkurrenten. Besonders problematisch ist der Besatz mit Graskarpfen: Sie fressen die Unterwasservegetation und zerstören damit den Lebensraum der Larven. Es sind Fälle dokumentiert, in denen Graskarpfenbesatz zur Vernichtung von Vorkommen extrem seltener Arten führte.
Freizeitnutzung
Die Erholungsfunktion von Gewässern kann sich negativ auswirken. Inoffizielle Badestellen führen zur Zerstörung der Ufervegetation. Das Befahren mit Booten schädigt Teich- und Seerosenvorkommen, der Wellenschlag kann Schilfbestände vernichten.
Verfüllung
Besonders kleine Gewässer werden oft verfüllt – sie stören bei der Bewirtschaftung oder dienen als Müllabladestellen für Bauschutt. Mit dem Verschwinden des Wassers verschwinden natürlich auch die Libellen.
Typische Arten
An stehenden Gewässern können Sie eine beeindruckende Vielfalt beobachten:
Kleinlibellen
- Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella) – die häufigste Art
- Gemeine Becherjungfer (Enallagma cyathigerum)
- Große Pechlibelle (Ischnura elegans)
- Großes Granatauge (Erythromma najas)
- Gemeine Binsenjungfer (Lestes sponsa)
Großlibellen
- Blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea)
- Große Königslibelle (Anax imperator)
- Vierfleck (Libellula quadrimaculata)
- Plattbauch (Libellula depressa)
- Gemeine Heidelibelle (Sympetrum vulgatum)
Besonders erwähnenswert ist die Zwerglibelle (Nehalennia speciosa) – mit nur 20 bis 25 mm Körperlänge unsere kleinste Art. Sie ist durch Lebensraumzerstörung extrem gefährdet und nur an wenigen Standorten zu finden.