Gemeine Heidelibelle

Sympetrum vulgatum (Linnaeus, 1758)

Die Gemeine Heidelibelle ist eine der häufigsten Libellenarten Mitteleuropas. Wenn im Spätsommer und Herbst die roten Libellen über Wiesen und an Gewässern schwärmen, handelt es sich meist um Vertreter dieser Art oder ihrer nahen Verwandten. Für mich als Libellenbeobachter markiert das massenhafte Auftreten der Heidelibellen (siehe auch Schwarze Heidelibelle) den Höhepunkt und zugleich den Ausklang der Libellensaison - ein jährlich wiederkehrendes Naturschauspiel, das ich nie verpasse.

Kurzsteckbrief

Größe 35-40 mm Körperlänge
Flügelspannweite ca. 55-65 mm
Flugzeit Juli bis Oktober (November)
Unterordnung Großlibellen (Anisoptera)
Familie Segellibellen (Libellulidae)
Gefährdung Nicht gefährdet

Namensherkunft

Der Name "Heidelibelle" bezieht sich auf die Beobachtung, dass diese Libellen im Spätsommer häufig abseits von Gewässern über Heiden, Wiesen und an Waldrändern zu finden sind. "Gemein" bedeutet hier im alten Wortsinn "häufig vorkommend, allgemein verbreitet".

Der wissenschaftliche Gattungsname Sympetrum setzt sich aus den griechischen Wörtern syn (zusammen) und petros (Stein) zusammen - eine Anspielung auf das Verhalten dieser Libellen, sich gerne auf Steinen zu sonnen. Der Artname vulgatum ist lateinisch und bedeutet "gewöhnlich" oder "allgemein verbreitet".

Aussehen und Bestimmung

Männchen

Die ausgefärbten Männchen sind leuchtend rot gefärbt - Hinterleib, Brust und teilweise auch das Gesicht zeigen diese charakteristische Färbung. Die Augen sind oben rot, unten bräunlich. Ein wichtiges Bestimmungsmerkmal ist die seitliche Zeichnung des Thorax: Bei der Gemeinen Heidelibelle verläuft eine schwarze Linie entlang der Schulternaht, die in der Mitte deutlich eingezogen (tailliert) ist.

Die Flügel sind durchsichtig mit einem kleinen bernsteinfarbenen Fleck an der Basis. Die Beine zeigen schwarze Längsstreifen auf gelbem bis rotem Grund.

Weibchen

Die Weibchen sind weniger auffällig gefärbt. Ihr Hinterleib ist gelblich bis bräunlich mit schwarzer Zeichnung an den Seiten. Mit zunehmendem Alter können ältere Weibchen eine leicht rötliche Färbung annehmen, bleiben aber stets blasser als die Männchen. Die Thoraxzeichnung ist identisch mit der der Männchen.

Wichtige Unterscheidungsmerkmale

Die Unterscheidung der verschiedenen Heidelibellen-Arten ist eine der größeren Herausforderungen für Libellenbeobachter. Bei der Gemeinen Heidelibelle sollten Sie auf folgende Merkmale achten:

  • Schwarze Thorax-Seitenlinie mit deutlicher Einschnürung in der Mitte
  • Stirn ohne dunklen Fleck (im Unterschied zur Großen Heidelibelle)
  • Beine mit schwarzen Längsstreifen (nicht vollständig schwarz)
  • Hinterleib ohne deutliche schwarze Querbinden

Lebensraum

Die Gemeine Heidelibelle ist eine ausgesprochen anpassungsfähige Art. Sie besiedelt nahezu alle Typen von stehenden Gewässern: Teiche, Weiher, Seen, Altwässer, Kiesgruben, Moore und sogar temporäre Gewässer wie wassergefüllte Fahrspuren.

Bevorzugt werden flache, sich schnell erwärmende Gewässer mit reichlich Vegetation. Besonders an Gartenteichen ist diese Art ein regelmäßiger Gast. Die Larven leben zwischen Wasserpflanzen und im Bodenschlamm, wo sie sich von kleinen Wasserorganismen ernähren.

Verbreitung

Die Gemeine Heidelibelle ist von Westeuropa bis nach Ostsibirien verbreitet - ein eurosibirisches Faunenelement mit riesigem Verbreitungsgebiet. In Deutschland, Österreich und der Schweiz kommt sie flächendeckend vor und gehört zu den häufigsten Libellenarten überhaupt.

Vom Tiefland bis in mittlere Gebirgslagen ist sie anzutreffen. In den Alpen erreicht sie Höhen von etwa 1500 Metern, vereinzelt auch darüber. Ihre Anpassungsfähigkeit und die schnelle Larvenentwicklung ermöglichen es ihr, selbst temporäre Gewässer und neu entstandene Habitate zu besiedeln.

Verhalten

Flugverhalten

Anders als die großen Edellibellen sind Heidelibellen keine ausdauernden Flieger. Sie bevorzugen es, von erhöhten Sitzwarten aus ihre Umgebung zu beobachten und nur zu kurzen Jagdflügen aufzubrechen. Typische Sitzplätze sind Steine, Holzpfosten, trockene Pflanzenstängel und sogar Zäune oder Gartenmöbel.

Bei kühlerem Wetter sitzen Heidelibellen oft mit abgesenkten Flügeln, um möglichst viel Sonnenwärme aufzunehmen. Dieses "Sonnenbaden" ist besonders im Herbst zu beobachten, wenn die Temperaturen sinken.

Fortpflanzung

Die Paarung erfolgt typischerweise in der Nähe von Gewässern. Das Männchen ergreift das Weibchen im Flug und das Paar bildet zunächst das für Libellen charakteristische "Paarungsrad". Nach der Kopulation fliegt das Paar im Tandem zur Eiablage.

Die Eiablage ist bei Heidelibellen besonders interessant: Das Paar fliegt im Tandem über die Wasseroberfläche, und das Weibchen wirft bei jedem Absenken des Hinterleibs Eier ins Wasser ab. Dabei "stippt" das Paar rhythmisch auf und ab - ein Verhalten, das man gut beobachten kann.

Entwicklung

Die Eier überwintern im Gewässer und die Larvenentwicklung erfolgt im folgenden Jahr. Unter günstigen Bedingungen können sich die Larven in nur zwei bis drei Monaten entwickeln - eine für Libellen relativ kurze Zeit, die es der Art ermöglicht, auch temporäre Gewässer zu nutzen.

Ähnliche Arten

Die Unterscheidung der Heidelibellen-Arten erfordert Übung. Die wichtigsten Verwechslungsarten sind:

Bei der Bestimmung sollten Sie immer mehrere Merkmale zusammen betrachten und möglichst Fotos anfertigen, die Sie später in Ruhe auswerten können.

Beobachtungstipps

Die Gemeine Heidelibelle lässt sich am besten zwischen August und Oktober beobachten. Suchen Sie sonnige Plätze an Gewässern oder auch auf angrenzenden Wiesen und Brachflächen. Die Tiere sind wenig scheu und sitzen oft minutenlang auf ihren Warten.

Für die Bestimmung empfehle ich Ihnen, zunächst die Thoraxzeichnung zu fotografieren - sie ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu ähnlichen Arten. Auch ein Foto des Gesichts von vorn kann hilfreich sein, um einen möglichen Stirnfleck zu erkennen oder auszuschließen.

Besonders reizvoll ist die Beobachtung der Tandem-Eiablage an warmen Spätsommertagen. Positionieren Sie sich am Ufer eines Gewässers und warten Sie geduldig - die rhythmisch stippenden Paare bieten ein faszinierendes Naturschauspiel.