Der Lebenszyklus einer Libelle

Der Lebenszyklus einer Libelle
Vom Ei über die Larve zur flugfähigen Libelle - der faszinierende Lebenszyklus.

Der Lebenszyklus einer Libelle ist ein faszinierendes Schauspiel der Natur. Anders als Schmetterlinge oder Fliegen durchlaufen Libellen keine vollständige Metamorphose mit Puppenstadium. Stattdessen entwickeln sie sich in einer sogenannten unvollständigen Verwandlung vom Ei über die Larve direkt zum erwachsenen Insekt.

In meinen über 50 Jahren Libellenbeobachtung habe ich alle Stadien dieses Lebenszyklus beobachten können - von der Eiablage bis zum ersten Flug einer frisch geschlüpften Libelle. Jedes Stadium hat seinen eigenen Zauber.

Die Stadien im Überblick

Der Lebenszyklus einer Libelle gliedert sich in folgende Phasen:

1. Das Ei

Alles beginnt mit dem Ei. Je nach Art werden die Eier entweder in Pflanzengewebe eingestochen oder ins Wasser abgeworfen. Die Entwicklungszeit variiert stark: Manche Eier schlüpfen nach wenigen Wochen, andere überwintern und schlüpfen erst im nächsten Frühjahr.

2. Die Larve

Das längste Stadium im Leben einer Libelle verbringt sie als Larve unter Wasser. Je nach Art kann diese Phase zwischen 40 Tagen und fünf Jahren dauern. Die Larve ist ein gefräubiger Räuber, der mit ihrer einzigartigen Fangmaske Beute macht. Sie häutet sich zwischen 7 und 15 Mal, bevor sie bereit ist für die letzte große Verwandlung.

3. Der Schlupf

Eines der dramatischsten Ereignisse in der Natur: Die Larve klettert aus dem Wasser, verankert sich an einem Halm oder Stein, und innerhalb weniger Stunden entsteht aus dem unscheinbaren Wassertier ein geflügeltes Insekt. Wer einmal einen Libellenschlupf beobachtet hat, vergisst diesen Anblick nie.

4. Die Exuvie

Was zurückbleibt, ist die leere Larvenhülle - die Exuvie. Für Libellenkundler sind diese Hüllen wertvolle Bestimmungshilfen, denn sie verraten, welche Arten an einem Gewässer vorkommen, ohne dass man die scheuen erwachsenen Tiere fangen muss.

5. Die Imago

Die frisch geschlüpfte Libelle ist zunächst blass und ihre Flügel sind noch weich. In den folgenden Tagen härtet sie aus und entwickelt ihre endgültige Färbung. Nach einer Reifungsphase, die je nach Art einige Tage bis mehrere Wochen dauern kann, ist sie fortpflanzungsfähig.

6. Die Paarung

Die Paarung der Libellen ist einzigartig im Tierreich. Das Männchen ergreift das Weibchen mit seinen Hinterleibsanhängen am Kopf oder Halsschild. Um sich zu paaren, muss das Weibchen sein Hinterleibsende zum sekundären Geschlechtsorgan des Männchens führen - es entsteht das charakteristische "Paarungsrad".

7. Die Eiablage

Nach der Paarung legt das Weibchen die Eier ab. Manche Arten stechen ihre Eier einzeln in Pflanzengewebe, andere lassen sie im Flug ins Wasser fallen. Damit schließt sich der Kreislauf, und eine neue Generation beginnt.

Die Dauer des Lebenszyklus

Die Gesamtdauer von Ei bis zum Tod des erwachsenen Tieres variiert stark zwischen den Arten:

  • Heidelibellen: Etwa ein Jahr, davon nur wenige Wochen als Imago
  • Mosaikjungfern: Zwei bis drei Jahre, hauptsächlich als Larve
  • Quelljungfern: Bis zu fünf Jahre, fast ausschließlich im Larvenstadium

Es ist ein bemerkenswerter Gedanke: Das elegante Insekt, das wir an einem Sommertag über dem Teich schweben sehen, hat möglicherweise Jahre unter Wasser verbracht, bevor es seine Flügel entfalten konnte.