Der Hinterleib der Libelle – Abdomen
Der Hinterleib ist der längste und auffälligste Körperabschnitt einer Libelle. Seine leuchtenden Farben und markanten Zeichnungen sind oft das Erste, was uns bei der Beobachtung ins Auge fällt. Doch hinter der Schönheit verbirgt sich ein hochfunktionales Körperteil mit vielen Aufgaben.
Aufbau des Abdomens
Das Abdomen besteht aus 10 röhrenförmigen Abschnitten, den sogenannten Hinterleibsringen oder Abdominalsegmenten. Durch Membranen zwischen den einzelnen Segmenten – die Intersegmentalhäutchen – ist der Hinterleib äußerst beweglich.
Diese Beweglichkeit ist kein Zufall: Der Hinterleib erfüllt viele verschiedene Funktionen:
- In ihm befindet sich das röhrenförmige Herz
- Die Verdauungsorgane sind hier untergebracht
- Die Fortpflanzungsorgane liegen im Abdomen
- Er dient als Flugstabilisator
- Mit ihm kann die Libelle ihre Körpertemperatur regulieren
- Sogar die Flügel können damit geputzt werden
Die Geschlechtsorgane – eine Besonderheit
Das Männchen
Libellenmännchen tragen eine Besonderheit, die sie von allen anderen Insektenordnungen unterscheidet: Unter dem zweiten Abdominalsegment befindet sich das sekundäre Geschlechtsorgan (Kopulationsorgan). Hier ist die Samenkapsel untergebracht, die vor jeder Paarung neu aufgefüllt werden muss.
Das primäre Geschlechtsorgan der Männchen liegt dagegen unter dem neunten Abdominalsegment – von dort wird das Sperma vor der Paarung zum sekundären Organ transportiert.
Das Weibchen
Bei den Weibchen liegt der Legeapparat (Ovipositor) an der Unterseite des achten und neunten Segments. Je nach Eiablage-Methode ist dieser unterschiedlich ausgeprägt:
- Endophytisch legenden Arten (die ihre Eier in Pflanzengewebe einstechen) haben einen stark ausgeprägten, gut sichtbaren Ovipositor
- Exophytisch legenden Arten (die ihre Eier über dem Wasser abwerfen) haben einen stark verkümmerten, kaum sichtbaren Legeapparat
Die Hinterleibsanhänge
Am Ende des Abdomens befinden sich bei beiden Geschlechtern paarige Anhänge, die zwischen den Arten stark variieren – ein wichtiges Bestimmungsmerkmal.
Die äußeren Zangen (Appendices superiores)
Beim Männchen von oben gut zu erkennen sind zwei zangenförmige Strukturen. Mit diesen greift das Männchen das Weibchen – bei Kleinlibellen am Prothorax, bei Großlibellen hinter den Augen – um sich anschließend mit ihr zu paaren.
Diese Zangen sind so charakteristisch für die einzelnen Arten, dass sie beispielsweise bei den Binsenjungfern als einfachstes Artunterscheidungsmerkmal gelten.
Die inneren Anhänge (Appendices inferiores)
Neben den äußeren Zangen besitzen Libellen auch stiftförmige innere Anhänge, die den Zangengriff der Männchen unterstützen.
Die Färbung – drei Farbtypen
Die Farbenpracht der Libellen hat mich schon immer fasziniert. Bei genauerem Hinsehen unterscheidet man drei verschiedene Arten von Körperfarben:
Strukturfarben
Hierzu zählen alle Farben mit metallischem Glanz – das schimmernde Blau der Prachtlibellen etwa, oder das metallische Grün mancher Smaragdlibellen. Diese Farben entstehen durch die Struktur des Chitinpanzers selbst und bleiben auch nach dem Tod des Tieres erhalten. Für Sammler ein wichtiger Punkt.
Pigmentfarben
Dies sind alle leuchtenden Farben ohne metallischen Glanz. Sie stammen aus den Muskelansätzen und liegen unter dem Chitinpanzer, der an diesen Stellen durchsichtig ist.
Ein Wermutstropfen: Diese Farben verlöschen nach dem Tod des Tieres, da ohne Konservierung die Muskeln zerfallen. Auch die dunkelbraunen bis schwarzen Färbungen innerhalb des Chitinpanzers gehören zu den Pigmentfarben.
Wachsfarben
Hierzu zählt die meist bläuliche Bereifung vieler Männchen, seltener auch der Weibchen. Sie werden von Hautdrüsen erzeugt und können abgerieben werden.
Ein interessantes Detail: Da die Weibchen während der Paarung mit ihren Füßen oft den Hinterleib des Männchens umklammern, nutzt sich die Bereifung ab. Es entstehen sogenannte „Kopulationsmarken" – je stärker die Abnutzung, desto häufiger hat sich das Männchen bereits verpaart und desto älter ist es vermutlich.
Thermoregulation
Der Hinterleib spielt auch eine wichtige Rolle bei der Temperaturregulierung. An kühlen Morgenstunden können Sie beobachten, wie Libellen ihren Hinterleib der Sonne entgegenstrecken – sie „sonnen" sich regelrecht. Bei zu starker Hitze wird der Hinterleib dagegen in eine Position gebracht, die möglichst wenig Sonneneinstrahlung aufnimmt.