Die Namensgebung der Libellen
Wieso heißt die Libelle eigentlich Libelle? Diese Frage habe ich mir erst gestellt, als ich begann, mich intensiver mit diesen Tieren zu beschäftigen. Die Antwort führt uns zurück ins 18. Jahrhundert und überrascht vielleicht: Der Name geht auf eine Larve zurück, nicht auf das fliegende Insekt.
Die Herkunft des Wortes "Libelle"
Das deutsche Wort Libelle leitet sich vom wissenschaftlichen Gattungsnamen Libellula ab, den Carl von Linné im Jahr 1758 prägte. Über die genaue Herkunft dieses Namens wird bis heute gestritten.
Die gängigste Erklärung führt das Wort auf das lateinische libra (Waage) zurück, genauer auf die Verkleinerungsform libella - kleine Waage oder Wasserwaage. Manche Autoren vermuten, die waagerecht ausgebreiteten Flügel im Flug seien namensgebend gewesen.
Interessanterweise deutet Linné selbst in eine andere Richtung. Er schreibt, dass der Name von einem Fisch stamme, der ebenfalls Libella genannt wurde - dem Hammerhai, dessen Form an eine Wasserwaage erinnert. Und tatsächlich beschrieb bereits Guillaume Rondelet im Jahr 1552 ein kleines Wasserinsekt, das diesem Fisch ähnele: Mit T-förmigem Körper, sechs Beinen und drei grünen Spitzen am Schwanzende. Diese Beschreibung passt perfekt auf eine Kleinlibellenlarve - und somit war es vermutlich eine Larve, nicht das erwachsene Tier, die der gesamten Insektenordnung ihren Namen gab.
Das System der wissenschaftlichen Namen
Auf Carl von Linné geht auch das System der wissenschaftlichen Benennung zurück, das wir heute noch verwenden. Jede Art erhält einen zweiteiligen Namen: Zuerst den Gattungsnamen, dann den Artnamen. Dahinter steht oft der Name des Erstbeschreibers und das Jahr der Beschreibung.
Ein Beispiel: Der Große Blaupfeil wurde ursprünglich von Linné als Libellula cancellata beschrieben. Später erkannte man, dass er zu einer anderen Gattung gehört. Der Artname blieb erhalten, aber der Beschreibername wird nun in Klammern gesetzt: Orthetrum cancellatum (Linnaeus, 1758).
Die deutschen Artnamen
Lange Zeit hatten Libellen keine einheitlichen deutschen Namen. Die direkte Übersetzung der wissenschaftlichen Namen führte oft zu kuriosen Ergebnissen. Die Art Lestes sponsa etwa hätte wörtlich übersetzt "Verlobte Schlankjungfer" geheißen - ein etwas sperriger Name.
Dies änderte sich 1953, als der Entomologe Hans Schiemenz ein Buch mit neu eingeführten deutschen Namen veröffentlichte. Er erkannte: Um junge Menschen für Libellen zu begeistern, braucht es verständliche Namen, die auf Besonderheiten der Tiere hinweisen - auf Körperform, Farbe, Lebensraum oder Verhalten.
So wurde aus der "Verlobten Schlankjungfer" die Gemeine Binsenjungfer - benannt nach ihrem bevorzugten Eiablageplatz in Binsen. Der Zusatz "Gemein" bedeutet dabei nicht etwa "böse", sondern "häufig vorkommend".
Warum deutsche Namen wichtig sind
Schiemenz schrieb damals: "Vor den wissenschaftlichen, griechisch-lateinischen Bezeichnungen schrecken viele Menschen verständlicherweise zurück, vor allem die Jugend, die andererseits gerade an der Tier- und Pflanzenwelt besonders stark interessiert ist."
Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Als Jugendlicher habe ich zuerst die Gebänderte Prachtlibelle beobachtet. Erst Jahre später lernte ich, dass ihr wissenschaftlicher Name Calopteryx splendens lautet - obwohl es natürlich ein und dieselbe Art ist. Für die wissenschaftliche Arbeit und den internationalen Austausch sind die lateinischen Namen unverzichtbar, aber für den Einstieg in die Libellenkunde sind die deutschen Namen Gold wert.
Weiterführende Informationen
Wenn Sie mehr über die Namen der einzelnen Arten erfahren möchten, finden Sie auf den folgenden Seiten ausführliche Erklärungen:
- Deutsche Artnamen - Was bedeuten Namen wie "Mosaikjungfer" oder "Heidelibelle"?
- Wissenschaftliche Artnamen - Die Bedeutung der lateinischen und griechischen Bezeichnungen
- Die Beschreiber der Arten - Kurzbiographien der Wissenschaftler, die unsere Libellenarten erstmals beschrieben haben