Gestreifte Quelljungfer

Cordulegaster bidentata Selys, 1843

Die Gestreifte Quelljungfer ist eine der seltensten und am schwierigsten zu beobachtenden Großlibellen Mitteleuropas. Sie lebt an winzigen, oft nur rinnsalartigen Quellbächen in den Mittelgebirgen und Alpen - Gewässer, an denen man normalerweise keine großen Libellen erwarten würde. Diese Spezialisierung auf extreme Lebensräume macht sie zu einem echten Juwel unter den heimischen Odonaten. In meinen über 50 Jahren als Libellenbeobachter habe ich diese scheue Art nur wenige Male zu Gesicht bekommen - jede Begegnung war ein besonderes Erlebnis.

Kurzsteckbrief

Größe 68-78 mm Körperlänge
Flugzeit Juni bis August
Unterordnung Großlibellen (Anisoptera)
Familie Quelljungfern (Cordulegastridae)
Gefährdung Deutschland Stark gefährdet (2)
Gefährdung Österreich Gefährdet (VU)
Gefährdung Schweiz Stark gefährdet (EN)

Namensherkunft

Der Name "Quelljungfer" verweist auf den bevorzugten Lebensraum dieser Art - quellnahe Bereiche und kleinste Rinnsale. "Gestreifte" bezieht sich auf die gelben Querstreifen auf dem schwarzen Hinterleib, wobei auf jedem Segment nur ein durchgehender Streifen vorhanden ist.

Der wissenschaftliche Gattungsname Cordulegaster bedeutet "Keulenbauch" (griechisch). Der Artname bidentata kommt vom Lateinischen und bedeutet "zweizähnig" - ein Hinweis auf die Form der Hinterleibsanhänge beim Männchen.

Aussehen und Bestimmung

Die Gestreifte Quelljungfer ist eine große, kräftig gebaute Libelle mit der typischen schwarz-gelben Zeichnung der Quelljungfern. Das entscheidende Unterscheidungsmerkmal zur häufigeren Zweigestreiften Quelljungfer ist die Anzahl der gelben Querstreifen auf den Hinterleibssegmenten: Die Gestreifte Quelljungfer hat nur einen durchgehenden Streifen pro Segment, die Zweigestreifte hat zwei getrennte Streifen.

Wie bei allen Quelljungfern berühren sich die großen Komplexaugen an nur einem Punkt. Die Augenfarbe ist leuchtend blaugrün - ein wunderschöner Anblick, wenn man das Glück hat, diese Art aus der Nähe zu betrachten.

Die Weibchen besitzen einen langen Legebohrer am Hinterleibsende, mit dem sie ihre Eier in das Sediment der Quellbäche stechen.

Lebensraum

Die Gestreifte Quelljungfer stellt außergewöhnlich hohe Ansprüche an ihren Lebensraum. Sie besiedelt ausschließlich kleine bis kleinste, quellnahe Fließgewässer - oft nur rinnsalartige Bäche von wenigen Zentimetern Breite. Diese Gewässer müssen kühl, sauerstoffreich und weitgehend unbelastet sein.

Typische Habitate sind:

  • Quellbereiche in Wäldern der Mittelgebirge
  • Kleine Bergbäche mit schlammig-sandigem Grund
  • Sickerquellen und quellige Hangbereiche
  • Oberste Bachabschnitte in beschatteten Schluchten

Die Gewässer sind meist stark beschattet und von naturnahen Wäldern umgeben. Offene, besonnte Abschnitte werden gemieden - ein deutlicher Unterschied zur Zweigestreiften Quelljungfer.

Verbreitung

Die Gestreifte Quelljungfer ist ein mittel- und südeuropäisches Faunenelement. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der iberischen Halbinsel über Frankreich und die Alpen bis zum Balkan.

In Deutschland kommt sie nur in den Mittelgebirgen vor, mit Schwerpunkten im Schwarzwald, der Schwäbischen Alb, dem Bayerischen Wald und vereinzelt in anderen Mittelgebirgen. Im Norddeutschen Tiefland fehlt sie vollständig.

In Österreich ist sie in den Voralpen und den Randalpen verbreitet, fehlt aber in den Zentralalpen oberhalb der Waldgrenze.

In der Schweiz kommt sie im Jura, den Voralpen und vereinzelt in den Nordalpen vor.

Verhalten und Lebensweise

Flugverhalten

Die Männchen patrouillieren in niedrigem, langsamen Flug über ihren winzigen Bachrevieren. Dabei folgen sie exakt dem Gewässerlauf, oft nur wenige Zentimeter über dem Wasser. Im Vergleich zur Zweigestreiften Quelljungfer sind sie noch scheuer und fliegen bei Störung sofort in die dichte Vegetation ab.

Paarung

Weibchen erscheinen nur zur Paarung und Eiablage am Gewässer. Das Männchen ergreift das Weibchen im Flug, und das Paar landet zur Kopulation im Ufergebüsch. Die Paarung dauert etwa 15-30 Minuten.

Eiablage

Die Eiablage erfolgt ähnlich wie bei der Zweigestreiften Quelljungfer: Das Weibchen sticht mit seinem langen Legebohrer rhythmisch in das weiche Sediment des Bachbettes. Da die Gewässer oft nur wenige Zentimeter breit sind, legt das Weibchen seine Eier manchmal auch in feuchten Schlamm abseits des eigentlichen Wasserlaufs.

Die extrem lange Larvenentwicklung

Die Larven entwickeln sich in den kalten, nährstoffarmen Quellgewässern noch langsamer als die der Zweigestreiften Quelljungfer. Die Entwicklung kann 4 bis 6 Jahre dauern, in besonders kalten Gewässern möglicherweise noch länger. Dies macht die Art besonders empfindlich gegenüber Habitatveränderungen.

Die Larven leben eingegraben im feinen Sediment und sind perfekt an das Leben in kleinsten Gewässern angepasst. Sie überstehen auch temporäre Trockenperioden, solange das Sediment feucht bleibt.

Ähnliche Arten

Die einzige Verwechslungsmöglichkeit besteht mit der Zweigestreiften Quelljungfer (Cordulegaster boltonii). Diese unterscheidet sich durch:

  • Zwei getrennte gelbe Querstreifen pro Hinterleibssegment (statt einem)
  • Größere Körperlänge (74-85 mm vs. 68-78 mm)
  • Besiedlung größerer, weniger quellnaher Bäche

Im Freiland kann die Unterscheidung schwierig sein. Achten Sie auf das Streifenmuster am Hinterleib - bei guten Sichtbedingungen ist es erkennbar.

Gefährdung und Schutz

Die Gestreifte Quelljungfer ist in allen drei deutschsprachigen Ländern gefährdet oder stark gefährdet. Ihre extreme Spezialisierung auf quellnahe Kleinstgewässer macht sie besonders verwundbar gegenüber:

  • Quellfassungen für die Trinkwassergewinnung
  • Drainage und Entwässerung von Quellbereichen
  • Veränderungen im Einzugsgebiet (Aufforstung, Kahlschlag)
  • Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft
  • Klimawandel-bedingte Austrocknung von Quellen

Der Schutz dieser Art erfordert den Erhalt naturnaher Quellbereiche und ihrer Einzugsgebiete. Wenn Sie zum Schutz beitragen möchten, unterstützen Sie lokale Naturschutzprojekte zum Erhalt von Quellgebieten.

Beobachtungstipps

Die Gestreifte Quelljungfer ist keine einfach zu beobachtende Art. Mein Rat: Suchen Sie zwischen Juni und August kleine, beschattete Quellbäche in den Mittelgebirgen auf. Die besten Chancen haben Sie an warmen, windstillen Tagen zwischen 11 und 15 Uhr.

Gehen Sie sehr langsam und leise vor - die Tiere sind scheu. Achten Sie auf den typischen niedrigen Patrouillierflug knapp über dem Wasser. Manchmal entdeckt man die Art auch ruhend an Blättern im Schatten des Ufergebüschs.

Wenn Sie ein Männchen an einem Quellbach patrouilieren sehen, haben Sie Glück - genießen Sie diesen seltenen Anblick einer der faszinierendsten Großlibellen unserer Heimat.