Westliche Keiljungfer

Gomphus pulchellus Selys, 1840

Weibchen der Westlichen Keiljungfer
Weibchen der Westlichen Keiljungfer - Die typische schwarz-gelbe Zeichnung der Flussjungfern.

Anders als der Familienname "Flussjungfern" vermuten lässt, ist die Westliche Keiljungfer bei uns vor allem an stehenden Gewässern zu finden. Besonders Baggerseen sind ihr bevorzugter Lebensraum - und genau das macht sie zu einem interessanten Beispiel dafür, wie sich Libellenarten an vom Menschen geschaffene Lebensräume anpassen können. In den letzten Jahrzehnten hat sie ihr Verbreitungsgebiet nach Nordosten ausgedehnt, vermutlich begünstigt durch die Zunahme von Kiesgruben in den Flussauen.

Kurzsteckbrief

Größe 47-50 mm Körperlänge
Flugzeit Mai bis Juli
Unterordnung Großlibellen (Anisoptera)
Familie Flussjungfern (Gomphidae)
Gefährdung Deutschland Stark gefährdet (2)
Gefährdung Österreich Verletzlich (VU)
Gefährdung Schweiz Potenziell gefährdet (NT)

Namensherkunft

Der deutsche Name "Keiljungfer" bezieht sich auf den keilförmigen Hinterleib der Männchen - ein Merkmal, das allerdings bei der Westlichen Keiljungfer weniger ausgeprägt ist als bei ihren Verwandten. "Westliche" verweist auf ihr Hauptverbreitungsgebiet in Westeuropa.

Der wissenschaftliche Gattungsname Gomphus stammt vom griechischen gomphos ab, was "Pflock" oder "Keil" bedeutet. Der Artname pulchellus leitet sich vom lateinischen pulcher (schön) ab und bedeutet so viel wie "hübsch" - eine Beschreibung, die ich nach meinen vielen Begegnungen mit dieser Art durchaus bestätigen kann.

Aussehen und Bestimmung

Die Westliche Keiljungfer ist eine mittelgroße Großlibelle mit der für Flussjungfern typischen schwarz-gelben Zeichnung. Ein wichtiges Bestimmungsmerkmal ist, dass sich die Komplexaugen - wie bei allen Flussjungfern - nicht berühren. Bei den meisten anderen Großlibellen stoßen die Augen in breiter Front zusammen.

Gegenüber ihren Schwesterarten, der Gemeinen Keiljungfer (Gomphus vulgatissimus) und der Asiatischen Keiljungfer (Gomphus flavipes), hat die Westliche Keiljungfer einen gleichmäßig schlanken Hinterleib, der am hinteren Ende nicht keulenförmig verbreitert ist.

Von der Grünen Flussjungfer (Ophiogomphus cecilia) unterscheidet sie sich durch die gelb-schwarze Färbung - jene Art hat einen hellgrünen Thorax. Bei Zangenlibellen (Onychogomphus) sind die Hinterleibsanhänge der Männchen zu mächtigen Kneifzangen ausgebildet.

Lebensraum

Die Westliche Keiljungfer bewohnt in Mitteleuropa vor allem stehende oder nur sehr langsam fließende Gewässer. Besonders häufig ist sie an vegetationsarmen Baggerseen zu finden, aber auch Stauseen und Altarme großer Flüsse werden besiedelt.

Wichtig scheint ihr eine gute Besonnung des Gewässers zu sein, das über sandige oder kiesige, höchstens mit Seggen bestandene Ufer verfügt. Es wird vermutet, dass die Art mit der Zunahme der Kiesgewinnung in den großen Flussauen und der damit verbundenen Entstehung neuer Baggerseen ihr Verbreitungsgebiet nach Nordosten ausdehnen konnte.

Verbreitung

Die Westliche Keiljungfer ist eine atlantomediterrane Art, die ausschließlich in Westeuropa beheimatet ist. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über die iberische Halbinsel, Frankreich und den westlichen Teil Deutschlands. Seit längerem breitet sie sich in nordöstliche Richtung aus.

In Deutschland ist sie im westlichen Teil allgemein verbreitet und an geeigneten Biotopen häufig. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin und Sachsen gibt es bisher keine gesicherten Nachweise.

In Österreich beschränken sich die Vorkommen auf Vorarlberg (Rheintal, Walgau).

In der Schweiz ist sie in fast allen Regionen nachgewiesen, fehlt aber südlich der Alpen, in Graubünden und in den meisten Alpentälern.

Verhalten und Lebensweise

Eine typische Frühlingsart

Die Westliche Keiljungfer ist eine typische Frühlingsart. Der Schlupf kann bereits im Mai beginnen und ist im Juli zu Ende. Schon nach 10 Tagen ist mehr als die Hälfte aller Individuen eines Gewässers geschlüpft - ein bemerkenswertes Phänomen, das ich über die Jahre immer wieder beobachten konnte.

Reifung und Jagd

Der Jungfernflug bringt die jungen Keiljungfern weg vom Ufer in die umgebende Vegetation. Hier setzen sie sich an besonnte Blätter und trocknen ihre noch weichen Flügel. Nach etwa zwei bis vier Wochen haben sie sich so weit entwickelt, dass sie sich paaren können.

Paarungsverhalten

Die Männchen erscheinen zuerst am Gewässer. Sie suchen sich exponierte Sitzwarten und warten auf die Weibchen - anders als viele andere Libellen bilden sie keine echten Reviere. Sobald ein Weibchen erkannt wird, startet das Männchen zur Verfolgung. Da die Sitzwarten durchaus dicht beieinander liegen können, kommt es manchmal zu wilden Verfolgungsjagden mit einem Weibchen und mehreren Männchen.

Nach der Paarung, die etwa 5 bis 10 Minuten dauert, fliegt das Weibchen allein zur Eiablage. Sie sucht sich einen Platz, presst einen Eiballen heraus, fliegt zum Wasser und taucht mehrmals ihren Hinterleib ein, bis sich der Eiballen gelöst hat.

Larvenentwicklung

Die Larven sind hervorragend an das Leben im Bodensubstrat angepasst. Sie können sich schnell in Sand oder Kies eingraben und lauern dort, mit Kopf und Hinterleibsende aus dem Boden ragend, auf vorbeikommende Beute. Die Larvalzeit beträgt zwei bis drei Jahre.

Bei der Wahl des Schlupfsubstrates sind die Larven nicht wählerisch: Sie schlüpfen sowohl in waagerechter Position auf dem Uferkies als auch in senkrechter Position an Seggen. Oft findet man Exuvien, deren Hinterleib noch im Wasser ruht. Da diese Position die schlüpfende Libelle dem Wellenschlag aussetzt, verläuft der gesamte Schlupfvorgang oft in weniger als einer Stunde - überaus schnell für eine Großlibelle.

Gefährdung und Schutz

Trotz ihrer Anpassungsfähigkeit an künstliche Gewässer gilt die Westliche Keiljungfer in Deutschland als stark gefährdet. Hauptursachen sind die Verfüllung und Rekultivierung von Baggerseen sowie die zunehmende Freizeitnutzung geeigneter Gewässer.

Wenn Sie zum Schutz dieser Art beitragen möchten, setzen Sie sich für den Erhalt naturnaher Uferabschnitte an Baggerseen ein. Auch die Einrichtung von Ruhezonen an Gewässern hilft dieser und anderen Libellenarten.

Beobachtungstipps

Wenn Sie die Westliche Keiljungfer beobachten möchten, besuchen Sie zwischen Mai und Juli einen Baggersee mit sandigen oder kiesigen Ufern. Achten Sie auf Libellen, die auf Steinen oder am Boden sitzen - das ist typisch für Keiljungfern. Die Männchen sitzen oft an exponierten Stellen und warten auf Weibchen.

Die beste Beobachtungszeit ist der späte Vormittag bis frühe Nachmittag an sonnigen, warmen Tagen. Mit etwas Geduld können Sie auch den schnellen Schlupf dieser Art beobachten - ein Erlebnis, das ich Ihnen sehr empfehlen kann.